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Kletterunfall mit Todesfolge in den Tannheimer Bergen,
von Philipp Kindt am 24.6.2009 um 12:49:38 Uhr
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Schwerer Steinschlagunfall am 13.06.09 am Schäfer


Am 13. 6. ereignete sich in den Tannheimer Bergen ein Kletterunfall mit Todesfolge.

Anbei findet siche eine Beschreibung von Toni Freudig, die wir dankend übernehmen durften. Hierzu sei auch auf das Forum der Arbeitsgemeinschaft "Sicheres Klettern in den Tannheimer Bergen" verwiesen.

Wir möchten immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass trotz guter Absicherung die alpinen Gefahren stets mitklettern.

 


Schwerer Steinschlagunfall am 13.06.09 am Schäfer

Wie viele andere Gruppen stiegen wir an diesem Samstag Morgen zu den Kletterwänden in den Tannheimern auf. Im Rahmen eines Fortgeschrittenenkurses mit dem Thema "Rettung aus Klettergelände" peilte ich mit meiner Gruppe das Übungsgelände am Wandfuß der Zwerchwand an. Doch kurz bevor wir dort ankamen, wurde mein Blick durch ein Geräusch in Richtung Schäfer gelenkt. Was sich dort abspielte, ließ nicht nur mich erstarren, sondern ca. 30 weitere Bergsteiger, die sich im Aufstieg befanden. Vom Wanderweg direkt unterhalb der Schäfer-Südwand rollte ein Körper wie leblos ca. 60 m den steilen, steindurchsetzten Grashang herunter. Meine Gedanken überschlugen sich ebenfalls: Warum reagiert er nicht!? Die Person mußte bewußtlos sein. Aber ... durch solch einen Sturz verliert man doch nicht gleich das Bewußtsein. Hatte er/sie vielleicht einen Schlaganfall erlitten und war deshalb abgestürzt?

So schnell es ging, lief ich zur Unfallstelle. Zwei andere Bergsteiger waren bereits dabei, einen Druckverband um den Kopf des Verletzten zu legen. Oberhalb der Schläfe war die Schädeldecke eingeschlagen, Blut quoll pulsierend heraus ... furchtbar! Wir, d.h. mehrere Staatlich geprüfte Bergführer und Rettungsaßistenten, versuchten so gut es ging zu helfen. Zum Glück war schnell ein Hubschrauber mit Notarzt da. Der Patient erbrach sich, mußte seitlich gelagert und dann wieder auf den Rücken gedreht werden zur Intubation. Blut und Erbrochenes wurden abgesaugt, das EKG beobachtet und Medikamente injiziert, die Beatmung erfolgte schließlich künstlich mit Ambubeutel. Endlich konnte der Schwerstverletzte in den Hubschrauberrettungsack gepackt und in die Notfallklinik geflogen werden. Zurück blieben blutverschmierte Ausrüstungsgegenstände, rot gefärbte Steine und Grasflächen und betroffene, schockierte Gesichter. Nicht klar war zu diesem Zeitpunkt, weshalb noch ein zweiter Hubschrauber über uns kreiste.

Allmählich wurde jedoch bekannt, was paßiert war: Eine Alpenvereinsektionsgruppe hatte sich die Route "Svenja" in der Schäfer-Südwand ausgesucht. Doch bereits in der ersten Seillänge brach ein 30x40 cm großer Felsblock aus. Dieser stürzte zwar an der eigenen Gruppe vorbei, traf jedoch 2 Mitglieder einer anderen Alpenvereinsgruppe, die gerade auf dem Wanderweg ca. 50 m tiefer vorbeiliefen. Ein Mann war nur leicht am Kopf verletzt worden und wurde nun von dem zweiten Hubschrauber abgeholt. Er hatte sich noch selbständig aus dem Gefahrenbereich Richtung Nesselwängler Scharte retten können. Einen anderen jedoch hat es voll erwischt - deshalb war dieser so regungslos den Hang hinuntergerollt.

Zusammen mit einem Bergführerkollegen stieg ich zum Rest der Gruppe auf. Nicht nur Freunde, auch der Neffe und der 12-jährige Sohn des Abgestürzten waren dabei. Zum Glück konnten wir berichten, daß der Papa zwar schwer verletzt ist, aber bestens versorgt wurde, sein Herz stabil schlägt und er in wenigen Minuten in einem ganz guten Krankenhaus von ganz guten ärzten versorgt wird. Das Kind schien gefaßt und meinte: Ich weiß schon, da wird Papa geröntgt und dann wird die Wunde zusammengenäht. Es schnürte mir fast die Kehle zu.
Dann stiegen wir weiter hinauf zu den "Svenja"-Kletterern. Wie festgefroren und tief betroffen standen diese immer noch am Einstieg. Auch ihnen schilderten wir den Zustand des/der Verletzten. Auch mir sind im Laufe meines Kletterlebens schon hunderte oder noch mehr Steine ausgebrochen. Ich hatte Glück, daß nie jemand getroffen wurde. Dieses Glück hätte ich ihnen auch gewünscht. In der Regel kann der Steinauslösende juristisch nicht zur Rechenschaft gezogen werden, in manchen Fällen wohl doch. Wie es wohl hier ausgeht? Die Gruppenmitglieder wurden anschließend vorsichtig mit dem Seil über den steilen Vorbau auf den Weg abgelaßen.

Unter einigen Fachleuten ist nun eine heftige Diskußion entbrannt. Die einen sagen: Eine gewisse Steinschlaggefahr auf Fußwegen unterhalb von Kletterrouten besteht immer, das ist ein Restrisiko, welches jeder Bergsteiger auf sich nehmen muß. Die anderen argumentieren: 2002 bis 2005 wurden an einer Wandflucht, die früher nicht begangen wurde, 15 neue Kletterrouten eingerichtet. Für Personen, die sich auf den unterhalb vorbeiführenden Wanderwegen befinden, stellen diese Routen insgesamt eine erhöhte Steinschlagbedrohung dar. Zwei Kletterwege (Svenja und Paartaler Pfeiler) sind dabei herausragend gefährlich. In meinem Führer "Klettern auf der Tannheimer Sonnenseite" appelliere ich an die Kletterer, an stark frequentierten Wochenenden und Feiertagen auf Begehungen (zumindest des Paartaler Pfeilers) zu verzichten. Andere Kletterführerautoren übernahmen diesen Sicherheitshinweis nicht! Im Forum www.klettern-tannheimer.de wurde auf die Steinschlaggefahr aus der Route Svenja von Rainer Lampatzer bereits im Oktober 08 hingewiesen. Auch dieser Gefahrenhinweis erzielte bisher zu wenig Wirkung!

Die gefährlichen Routen werden deshalb auch an stark frequentierten Tagen beklettert.

Für die Arbeitsgemeinschaft "Sicheres Klettern in den Tannheimer Bergen", welche sich wie der Name schon sagt, die Sicherheit zum Ziel gesetzt hat, wäre nun ein Feedback von seiten der Kletterer und Wanderer sehr wichtig! - Ist diese Gefahrensituation vertretbar? Ist es zu gefährlich? Soll man etwas tun? Was kann man tun? - Bitte teilen Sie Ihre Meinung über dieses Forum mit.

Randbemerkungen

Da mehrere, bestens ausgebildete Bergsteiger am Unfallort waren, konnte eine vorbildliche Erstversorgung geleistet werden. Besonders froh war ich, daß Helmut Mittermayr (Bundeslehrteam DAV, Berg- und Flugretter) dabei war; er konnte den örtlichen Flugretter und somit Notarzt äußerst kompetent unterstützen. Auch Bergführeranwärter Michael Schaffroth war souverän und selbstlos im Einsatz. Den anderen Helfern, deren Namen ich nicht kenne, gebührt ebenso Dank und Anerkennung.

Noch vor einigen Jahren setzte nahezu niemand einen Helm auf, wenn er sich auf den Wanderwegen unterhalb der Tannheimer Kletterrouten bewegte. Aus diesem Grunde brachten wir anläßlich der Sanierungsaktion 1997 die Schilder "Vorsicht Steinschlag! Ab hier nur mit Helm!" an. Wo der Unfall paßiert ist, gibt es (noch) kein Schild, da man früher am Schäfer kaum kletterte und dort vorwiegend Wanderer (Richtung Sabach Joch, Kellespitze, Reintal) unterwegs sind, die gar keinen Helm dabei haben. Der Staatlich geprüfte Bergführer, der die betroffene Gruppe leitete, forderte diese rechtzeitig vor der Gefahrenpassage auf, Helme zu tragen! Gut!

Der aktuelle Zustand des Verunglückten ist nicht bekannt. Am Tag nach dem Unfall schwebte er jedoch immer noch in Lebensgefahr, ob er jemals wieder ganz gesund wird ist ungewiß.

Pfronten, den 18. Juni 2009, Toni Freudig

Nachtrag vom 20. Juni 2009

Heute wurde bekannt, dass das Unfallopfer nun seinen Kopfverletzungen erlegen ist.



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