Dass das Klettern im
Allgäu eine lange Tradition
hat wollen wir mit dieser
Chronik zeigen.
Stefan
Meineke Autor des
Allgäukletterführer hat uns
netterweise seine Allgäu
Kletterchronik für unsere
Seiten zur Verfügung
gestellt.
Allgäu Kletterführer von
Stefan Meineke
ISBN 3-931 982-08-4
Neuauflage für 2004 geplant. |

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Rückblick von Stefan Meineke auf ein
Jahrhundert Allgäuer
Klettergeschichte. Stand 1999/2000
So bekannt die Allgäuer Alpen
als ein Wanderparadies par
excellence" sind, so weitgehend
unbekannt sind die
Klettermöglichkeiten geblieben, die
die größte deutsche
Hochgebirgsgruppe mit ihren 225
selbständigen Berggipfeln zu
bieten hat. Allgäu - ach was,
Grasberge, Mugel" - dieses
Vorurteil, gegen das der Pionier des
Allgäuer Sportklettern,
Josef Enzensperger, schon um die
Jahrhundertwende zu Felde gezogen
ist, markiert eine einst wie jetzt
weitverbreitete Auffassung. Mit
den Klettertouren sind auch deren
Begeher in Vergessenheit
geraten. Unter dem Stichwort
Erschließungsgeschichte"
findet sich in dem zuständigen
Alpenvereinsführer allein ein
knapper Hinweis auf Hermann von
Barth und Anton Waltenberger -
zwei Persönlichkeiten, deren
Wirkungszeit nun schon fast 150
Jahre zurückliegt. Von der
klettersportlichen Erschließung des
Allgäus erfährt man dagegen nichts -
so als ob seit den seligen
Tagen Hermann von Barths die Zeit in
den Bergen rund um Oberstdorf
stehengeblieben wäre.
Fast alle bedeutenden
Allgäuer Hochgipfel
waren bis 1870 von den Trupps der
bayerischen Landesvermessung
sowie von naturkundlich
interessierten Geologen, Botanikern und
Heimatforschern betreten worden.
Wissenschaftliche Zwecke standen
bei diesen frühen Unternehmen im
Vordergrund. Mehr als in anderen
Gebirgen beteiligten sich im Allgäu
aber auch einheimische Hirten
und Jäger an der Erschließung. So
war der schwierigste Gipfel im
Allgäuer Hauptkamm, die schon auf
ihrem Normalweg leichte
Kletterei erfordernde
Trettachspitze, bereits 1855 durch die drei
Gebrüder Jochum aus Birgsau über
ihren Nordostgrat (II)
erstbestiegen worden. Mehr als
dreißig Jahre sollten vergehen,
bis sich 1886 die ersten
führerlosen" Touristen an die
kühne Felsnadel wagten.
Frühe Pioniere des Klettersports:
Josef Enzensperger, Adolf
Schulze und Hermann
Rädler
In den 1890er Jahren
vollzogen sich im Allgäu
zwei Entwicklungen, die insgesamt
das moderne Bergsteigen prägen
sollten. Mit der Einweihung von
Kemptner Hütte (1892) und
Heilbronner Weg (1899) kam der vom
Alpenverein betriebene Hütten-
und Wegebau zu seinem vorläufigen
Abschluß. Bald schon
entwickelte sich das Allgäu zum
bevorzugten Ziel eines rasant
zunehmenden alpinen Wandertourismus.
Während nun auch die
unschwierigen Hochgipfel einen immer
stärkeren Besuch erhielten,
wandte sich das Interesse der
Kletterer den großen Graten und
Wänden des Gebirges zu. Vor allem
dem publizistischen Wirken des
in Sonthofen beheimateten Josef
Enzensperger (1873-1903) war es zu
verdanken, wenn das Allgäu um die
Jahrhundertwende einen stetigen
Zustrom von Münchner
Spitzenkletterer zu verzeichnen hatte. Der
charismatische Enzensperger,
Mitbegründer des seit 1892
bestehenden Akademischen
Alpenvereins München und schon 1903 als
Dreißigjähriger auf der ersten
deutschen Antarktisexpedition
verstorben, warb in zahlreichen
Aufsätzen für einen Besuch der
Allgäuer Kletterberge. Höhepunkt von
Enzenspergers Tätigkeit
als Kletterer bildete das Jahr 1894:
Am 16. September gelang ihm
zusammen mit seinem Bruder Ernst und
Karl Neumann die Erstbegehung
der Südwand der Trettach (IV+). Der
Aufstieg - so beschrieb
Josef Enzensperger später in der
Zeitschrift Alpenfreund"
die Kletterei - vollzieht sich durch
einen Kamin auf einen
schmalen Felspfeiler, der weit in
die furchtbare, wohl 600m
unvermittelt in die Wilden Gräben
abstürzende Wand hinausgebaut
ist. Die über diesen Felspfeiler
sich erhebende Plattenwand ist
von äußerster Schwierigkeit und
bietet erst nach 38 bis 40
Metern Höhe den ersten kleinen
Ausruh- und
Versicherungspunkt."
Enzensperger zählte seine Neutour zu
den schwierigsten Klettereien im
gesamten Alpenraum.
Mit der fünften Begehung der
Trettach Südwand
startete 1899 ein Vereinskamerad von
Enzensperger eine an
spektakulären Erfolgen reiche
Kletterkarriere. Der heute selbst
bei Kennern der Alpingeschichte in
Vergessenheit geratene Adolf
Lolo" Schulze, der 1903 als
Erstbesteiger des zuvor von
den besten Seilschaften Europas
vergeblich versuchten
Uschba-Südgipfels (Kaukasus) zu
internationalem Ruhm gelangte,
führte in allen Teilen der Alpen
überaus schwierige
Klettertouren durch. Sein
Lieblingsgebiet aber bildeten die
Allgäuer Alpen, in denen er - oft in
Begleitung seines Bruders
Gustav - mehr Erstbegehungen
realisieren konnte als jeder andere
nach ihm in diesem Gebiet tätig
gewordene Kletterer. Bereits bei
der Wiederholung der Trettach
Südwand gab Schulze sein
außergewöhnliches Talent zu
erkennen. Es gelang ihm, zu der
gefürchteten Einstiegseillänge der
Enzenspergerführe eine
wesentlich sichere Variante zu
finden, die auch noch heute üblich
ist. 1900 vollbrachte Schulze an der
Trettachspitze ein neues
Husarenstück. Nach der ersten
Wiederholung der Westwand (III)
führte er noch am selben Tag
zusammen mit seinem Bruder Gustav
die erste Abstiegsbegehung der
Südwand (IV-) mit anschließender
Besteigung der Mädelegabel über
ihren Nordgrat durch. Dieses
Kunststück wiederholte Schulze zwei
Jahre später. Sein
Klettertempo muß beachtlich gewesen
sein, denn von der
Mädelegabel stieg Schulze nicht etwa
über den Normalweg zum
Waltenberger Haus ab, sondern er
blieb der Grathöhe treu und
überschritt in östlicher Richtung
den höchsten Teil des
Allgäuer Hauptkammes bis zum Hohen
Licht. Neben diesen und
anderen Wiederholungen führte
Schulze allein im Sommer des Jahres
1900 zwölf Erstbegehungen im Allgäu
aus; davon besonders viele
rund um die Hermann von Barth-Hütte.
Der Haus- und Kletterberg
der Hütte, die Wolfebenerspitze, war
von Schulze sogar im
Alleingang erstbestiegen worden. Die
Krönung des Klettersommers
erfolgte aber am 5. September. Mit
der Erstbegehung des düsteren
Südkamins der Südlichen
Wolfebnerspitze führte Schulze zusammen
mit seinem Gefährten Felix von Cube
den V. Grad im Allgäu ein.
Dabei hatte sich der Kamin vom
Einstieg alles andere als einladend
präsentiert: Senkrecht, mit glatten
Wänden, oben durch einen
mächtigen, gelben Überhang
abgesperrt, spaltet er die ganze Wand
von oben bis unten." Trotzdem
gelang die Lösung des
vornehmsten Problems an den
Wolfebnerspitzen". Ein 1989 von
Achim Groh erstellter Kletterführer
Hermann von
Barth-Hütte" spricht mit Recht
von einer oft unterschätzten
Tour", die eine äußerst
umsichtige Kletterei"
erfordert und gibt als
Schwierigkeitsgrad eine Stelle V+, vielfach
V an. 1902 wiederholte Schulze nicht
nur den Südkamin, sondern
ging die beiden letzten großen
Probleme der Allgäuer Alpen an.
Zusammen mit seinen Gefährten Karl
Beindl (*1884-?) und Julius
Engelhardt (1883-1964) erkletterte
er am 8. September in gut
sieben Stunden die 450m hohe, von
Enzensperger noch für
unmöglich gehaltenen Ostwand der
Trettach (IV+). Damit nicht
genug, überkletterte er schon eine
Woche später den
wildzerissenen und türmereichen
NNW-Grat der Krottenspitze (IV-).
Trotz der kürzer werdenden Tage
brauchte Schulze auf dem über
einen Kilometer langen Grat kein
Biwak zu beziehen. Für die
Erstbegehung der mit fast 30
Seillängen längsten Allgäuer
Klettertour benötigte er lediglich
fünf Stunden - eine Zeit, die
heute von den meisten Wiederholern
überschritten wird. Mit diesen
beiden letzten großen Erstbegehungen
war Schulze, der 1912 als
Goldsucher nach Bolivien
auswanderte, dort die höchsten Gipfel
der Cordillera Real (erst-)bestieg
und 1971 im gesegneten Alter
von 91 Jahren in der Hauptstadt des
alten Inkareiches Cusco (Peru)
verstarb, endgültig zum
erfolgreichsten Erschließer der
Allgäuer Bergwelt avanciert.
Nicht die schwierigste, wohl aber die
spektakulärste
Erstbegehung in den Jahren vor dem
Ersten Weltkrieg gelang einem
Einheimischen, dem Langenwanger
Lehrer Hans Rädler (1876-1974).
Im Sommer 1910 erkletterte er den
eleganten, fast 1000m hohen
Südwestgrat des Himmelhornes, der
seitdem seinen Namen trägt.
Bis heute steht der Rädlergrat in
dem Ruf eine besonders
ernsthafte Kletterfahrt zu sein.
Dazu hat sicherlich auch der
steile Gras- und Schrofenvorbau
beigetragen, mit dem der Grat im
Oytal ansetzt. Noch vor dem Beginn
der eigentlichen
Schwierigkeiten werden hier jedem
Begeher bergsteigerische
Fähigkeiten abverlangt, die sich
nicht antrainieren, sondern nur
in vielen alpinen Lehrjahren
erwerben lassen. Als Rädler seine
Erstbegehung wagte, ließ er sich auf
ein wirklich verrücktes
Abenteuer ein, denn die senkrechte
60m-Felswand, die nach 450
Metern teilweise extrem ausgesetzter
Gratkletterei den Aufstieg
zum Gipfel sperrt und heute mit V/A0
bewertet wird, war für den
Alleingänger nicht kletterbar.
Rädler schien in eine tödliche
Falle geraten zu sein. Er konnte
sich nur aus ihr befreien, indem
er die 60m-Wand durch eine kriminell
brüchige und steile
Grasrinne umging.
Die zwanziger und dreißiger Jahre:
Klassische Freikletterei in
großen Wänden"
Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte auch in
den Allgäuer Alpen
der Durchbruch zum VI. Grad. Mit nur
wenigen Haken, dafür aber um
so mehr Mut wandte sich eine neue
Klettergeneration nun
vorzugsweise jenen Wänden zu, die
man bislang aufgrund ihrer
Geschlossenheit gemieden hatte. Eine
Glanztat des heroischen
Alpinismus stellte die Erstbegehung
der rot-gelben Ostwand des
Schnecks dar, die 1922 dem noch
jungen Oberstdorfer Philipp Risch
gelang. Er soll mit nur drei Haken
ausgekommen sein - eine
unglaubliche Zahl, denn heute steckt
ungefähr das Zehnfache, ohne
daß man eine Übernagelung"
beklagen müßte. Nachdem
Wiederholungsversuche einheimischer
Kletterer scheiterten und sich
sogar ein tödlicher Unfall ereignet
hatte, traten immer mehr
Zweifler auf, die Risch seinen
Erfolg nicht glauben wollten.
Insgesamt 14 Jahre sollten vergehen
bis endlich im Sommer 1936 der
Oberstdorfer Seilschaft Ignaz Vogler
und Otto Niederacher die
Zweitbegehung glückte, weitere zehn
Jahre gingen ins Land bis
1946 die Drittbegehung folgte.
Aufgrund ihrer kompromißlosen
Freikletterstellen in nicht immer
vollkommen festem Gestein blieb
die Route bis in die siebziger Jahre
gefürchtet. Erst mit der
Einführung der Klemmkeiltechnik trat
eine Wende ein. Jetzt
konnten auch Passagen abgesichert
werden, in denen man früher auf
Gedeih und Verderb hatte
weiterklettern müssen.
Die großartige Leistung Rischs fand in der
deutschen
Kletterszene so gut wie keine
Beachtung. Nachdem sich die
Münchner Kletterelite zu Beginn der
zwanziger Jahre weitgehend
aus dem Allgäu zurückgezogen hatte
und sich immer mehr auf den
Wilden Kaiser konzentrierte, wurde
die extreme Kletterei in den
Bergen rund um Oberstdorf fast nur
noch von Einheimischen
betrieben. Deren Neigung, über die
eigenen Taten in schriftlicher
Form zu berichten, war nicht
besonders ausgeprägt. So fand die
weitere Erschließung der Allgäuer
Alpen unter Ausschluß der
breiten Öffentlichkeit statt. Auch
die Schneck-Ostwand wurde erst
bekannt, als Anderl Heckmair, dem
1947 die Viertbegehung gelungen
war, 1949 im Bergsteiger"
einen Aufsatz veröffentlichte,
in dem er den Anstieg mit der
berühmten Nordwand der Großen
Zinne verglich.
Seit Beginn der dreißiger Jahren erlebte das
Klettern im
Allgäu einen regelrechten Boom. In
Oberstdorf, Immenstadt,
Sonthofen und Hindelang waren
verschiedene schlagkräftige
Seilschaften herangewachsen. Durch
die zwischen 1933-1936 von
Hitler gegenüber Österreich
verfügte Grenzsperre"
musste sich das klettersportliche
Interesse zwangsläufig auf die
Heimatberge konzentrieren. Mit dem
Ausbau der Gebirgsjägertruppen
sowie der Gründung einer
Bergsteigergruppe" an der
Eliteschule der NSDAP in Sonthofen
(Ordensburg") kamen
zusätzlich auch wieder hervorragende
auswärtige Kletterer ins
Allgäu. Der Bamberger Hans
Lobenhoffer, der aus Bonndorf im
Schwarzwald stammende Franz Tröndle
sowie der in München
geborene Anderl Heckmair stehen für
diesen neuen Trend. So wurden
in den dreißiger Jahren gleich
reihenweise neue Routen durch die
großen Wände" des Allgäus
gelegt. Im Sommer 1935
verzeichnete man mit sieben
bedeutenden Erstbegehungen einen
Höhepunkt. Aufgrund der Größe des
Gebirges kam es dabei zu
einer Art Arbeitsteilung: An der
Trettachspitze und in den
grasdurchsetzten Wänden der
Höfatsgruppe waren vor allem die
Oberstdorfer (Ignaz Vogler, Kaspar
Schwarz, Franz Faschingleitner,
Ludwig Zint) und Immenstädter
Kletterer (Anton Stolze, Sepp
Prinz) unterwegs, während sich die
aus dem Ostrachtal und seiner
Umgebung stammenden oder dort
ansässig gewordenen Bergführer
(Willy Wechs, Franz Tröndle, Hans
Lanig, Luis Blanz) vorwiegend
in der Hochvogel- und Daumengruppe
betätigten. Klettertechnisch
erreichte wohl Franz Tröndle mit
seiner 1934 im Kamm der
Fuchskarspitzen erschlossenen
Madonna-Ostwand (VI/A0) das höchste
Niveau. Für die nur 120 Meter hohe
Plattenwand benötigte
Tröndle einen vollen Tag
Vorbereitung. In der teilweise
überhängenden Ausstiegsseillänge
wurden erstmals im Allgäu
auch mehrere Haken zur Fortbewegung
eingesetzt ein erster
Vorgeschmack auf den Kletterstil der
fünfziger Jahre. Technisches
Klettern blieb aber ansonsten im
Allgäu so gut wie unbekannt. Die
Erstbegehungen jener Zeit folgten
ausnahmslos dem Ideal
klassischer Freikletterei. Zum
Abschluß kam diese
Erschließungsperiode mit den im Juli
1940 im Abstand von nur
wenigen Tagen durch Hans Lanig bzw.
Willy Wechs realisierten
Erstbegehungen der Südwest- und
Nordostwand des Hochvogels. Auch
das Winterbergsteigen erlebte Ende
der dreißiger Jahre eine kurze
Blüte. Im März 1941 wurden die
letzten und zugleich größten
Unternehmungen durchgeführt.
Expeditionscharakter besaß die von
Willy Wechs geleitete erste
Winterdurchquerung der Hornbachkette,
bei der in fünfeinhalb Tagen zwölf
Gipfel bestiegen wurden; die
Kemptener Martin Recher und Karl
Gaulhofer durchstiegen im
gleichen Monat die 450 Meter hohe
Gerade Ostwand der Trettach
(VI-/A0) - eine durchweg
anspruchsvolle Kletterei, die 1934 von
Hans Lobenhoffer erstbegangen worden
war.
Auf der Suche nach den letzten
Problemen" die Ära
von Albert Kleemaier und Michael
Tauscher
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann im Allgäuer
Bergsport wie
auch im gesamten Alpinismus ein
neues Zeitalter. Fast alle
bedeutenden Wände hatten in den
dreißiger Jahren einen Anstieg
erhalten. Unberührt geblieben waren
nur jene Wandabstürze, bei
denen schon auf den ersten Blick zu
erkennen war, daß sie
aufgrund ihrer extremen Steilheit
mit Freikletterei allein nicht
zu bewingen waren. Im Allgäu waren
solch schroffe Felsformationen
eine Seltenheit, doch am Ende des
Oytales gab es zwei dieser
Wände: die aus einem riesigen
Bergsturz entstandene Südwestwand
des Kleinen Wilden und die Südwand
des Himmelhornes. Die besten
Allgäuer Kletterer der
Nachkriegszeit fanden an diesen Wänden
ihr Betätigungsfeld. Der Kemptner
Albert Ali" Kleemaier
(1928-1992) war der unbestrittene
Star" jener Jahre. Mit
frühen Wiederholungen der
Dru-Westwand und der Direkten Nordwand
der Großen Zinne festigte er seinen
Ruf, einer der
leistungsstärksten Kletterer
Deutschlands zu sein. Im Allgäu und
in den benachbarten Tannheimern war
keine Wand vor ihm sicher.
Neben einer ganzen Reihe von
gewagten Alleingängen (u.a. Trettach,
Gerade Ostwand) und ersten
Winterbegehungen (u.a. Schneck,
Ostwand) gelangen ihm an seinen
Heimatbergen annähernd ein
Dutzend Erstbegehungen im V. und VI.
Grad. Dabei war das in den
Nachkriegsjahren zur Verfügung
stehende Material oft mehr als
mangelhaft. Bei der Winterbegehung
der Trettach-Südkante
kletterte Kleemaier sogar barfuß, um
dann beim Abstieg in die
mitgeführten Skischuhe zu schlüpfen.
Später bemühte er sich,
die Sohlenfestigkeit seiner
Kletterschuhe durch
Feuerwehrschläuche zu erhöhen. Sein
klettersportliches
Meisterstück bildete zweifellos die
1955 zusammen mit Max
Nieberle eröffnete
Südwestverschneidung am Kleinen Wilden (A2,
VI). Die eindrucksvolle, von
zahlreichen Dächern gesperrte
Verschneidung stellte sowohl in
freier wie auch in technischer
Kletterei den Vorstoß in eine im
Allgäu bislang unbekannte
Dimension des Kletterns dar. Denn
anders als in den Extremrouten
der dreißiger Jahre beschränkten
sich die Höchstschwierigkeiten
nicht auf wenige Schlüsselstellen,
sondern hielten nahezu
kontinuierlich an. Für die damalige
Ausnahmestellung Kleemaiers
war es bezeichnend, daß er im Mai
1957 auch die Zweitbegehung
seiner Erstbegehung durchführen
konnte - sämtliche
Wiederholungsversuche anderer
Kletterer waren zuvor gescheitert.
Dem Oberstdorfer Bergführer Michael Tauscher
(* 1937) blieb es
zusammen mit Willi Teufele
vorbehalten, mit der Südwand des
Himmelhorns (VI-/A2-A3) das letzte
bedeutende Wandproblem in den
Bergen rund um Oberstdorf zu lösen.
Ein markanter, die Wand fast
in ihrer Mitte teilender Riss gab
die Wegführung zwingend vor.
Doch um den Rissbeginn zu erreichen,
war ein gewaltiger
8m-Überhang zu überwinden. Erst nach
achttägigen Vorarbeiten,
bei denen erstmals im Allgäu auch
Bohrhaken zum Einsatz kamen,
ergab sich das Ungetüm. Im Gegensatz
zu vielen anderen
Spitzenkletterern blieb Tauscher
seinen Heimatbergen auf Dauer
verbunden. Mit mehr als 200
Trettachbesteigungen und 30 Begehungen
des Rädlergrates dürfte er heute der
beste Kenner der Allgäuer
Alpen sein. Noch als Fünfzigjähriger
meisterte er
Extremklassiker wie den Schwarzen
Riß (V+) an der Trettach im
seilfreien Alleingang -
beeindruckende Leistungen, die nie bekannt
geworden sind.
Jenseits des VI. Grades die
sportklettertechnische
Nacherschließung seit Ende der
achtziger Jahre
In den vergangenen zehn Jahren hat auch das
sportliche
Plaisirklettern im Allgäu Fuß
gefaßt. Das Klettern in letzter
Konsequenz ein steter Kampf ums
Überleben ist, da jeder Sturz ein
unkalkulierbares Risiko bedeutet -
dieses Ideal des heroischen
Alpinismus, dem von Preuß bis
Messner gehuldigt worden ist,
findet heute nur noch wenige
Anhänger. Das Pendel ist auch im
Allgäu in die andere Richtung
ausgeschlagen. Klettern darf, ja
soll Spaß bereiten und dazu kann
nach überwiegender Auffassung
mehr als alles andere eine
zuverlässige Sicherung beitragen. Im
Zuge dieses Einstellungswandels ist
der früher verpönte
Bohrhaken nicht nur salonfähig
geworden, sondern er wird nun
konsequent als Standardabsicherung
eingesetzt. Seit Mitte der
neunziger Jahre haben sich
einheimische Kletterer wie Kristian
Rath, Markus Berktold und Albert
Schwarz jun. mit viel Idealismus
um die Sanierung der alten Klassiker
bemüht. Inzwischen sind fast
alle lohnenden Kletterwege mit
soliden Bolts ausgestattet worden.
Ohne Übertreibung kann daher
festgestellt werden, daß das
Klettern im Allgäu noch nie so
sicher gewesen ist wie heute.
Während die Sanierungsarbeit vor allem dem
Liebhaber mittlerer
Schwierigkeiten zu Gute kommt, wird
sich der Sportkletterer vor
allem für die in den letzten Jahren
erschlossenen Neutouren
interessieren. Durch ihre Eleganz
und meist gute Absicherung
strafen sie das Vorurteil Lügen, im
Allgäu solle man das
Klettern besser den Gemsen
überlassen. Der Bad Oberdorfer Hartmut
Wimmer entdeckte 1987 den
wunderbaren Plattenkalk der Wiedemer
Nordwand und kreierte in Sichtweite
des Luitpold-Hauses drei
schwierige Sportkletterwege (VII+
bis VIII). Der vor allem durch
seine extrem schwierigen
Eisklettereien bekannt gewordene
Waldshuter Bergführer Robert Jasper
führte zu Beginn der
neunziger Jahre am Kleinen Wilden,
an der Trettach und am
Östlichen Wengenkopf in Begleitung
von Stefan Meineke
bemerkenswerte Neutouren durch. Alle
Routen wurden ohne vorherige
Erkundung von unten erstbegangen, so
daß zwischen den einzelnen
Haken oft längere
Freikletterpassagen zu meistern sind. Trotz
vieler schöner Kletterstellen
stellen diese Routen keine leicht
verdauliche Plaisirkost dar. Mit der
inzwischen von einem
Bergsturz zerstörten Führe Jenseits
von Gut und Böse"
(um IX) am Kleinen Wilden und La
Traviata" (VIII+) am
Wengenkopf gelang dem Duo auch die
Erstbegehung von zwei
Spitzenrouten. Moralisch
anspruchsvoll ist auch die von den
Gebrüdern Kopp 1992 mit nur einem
Zwischenhaken ausgestattete
Führe Hey Joe" (VI-), die am
weltenfernen
Nordwestwandsockel des Hohen Lichts
zu suchen ist. Anstehen am
Einstieg muß man hier bestimmt
nicht! Der aus Freiburg stammende,
aber in der Nähe von Überlingen am
Bodensee aufgewachsene
Patrick Henrichs begann sich zur
gleichen Zeit für die südlichen
Vorposten des Allgäus, Biberkopf und
Widderstein, zu
interessieren. Kurze Zustiege und
bombenfester Fels vermochten ihn
so zu begeistern, daß er im Laufe
der Jahre ein gutes halbes
Dutzend Führen (V-/A0 bis VI+)
realisierte, die auch den
verwöhntesten Genußkletterer
befriedigen werden. Erwähnt werden
muß schließlich auch noch der
Oberstdorfer Profi-Bergführer
Matthias Robl. 1997 stieg er rechts
des Schwarzen Risses über
schwarze Platten gerade zum
Nordwestgrat der Trettach empor (Spiel
der Geister", VII+) und ein
Jahr später fand er mit dem
schon seit 20 Jahren mit extremen
Allgäufels vertrauten Egbert
Lehner eine technisch besonders
schwierige Wand- und
Plattenkletterei über den Pfeiler
rechts der berühmten
Wildenverschneidung, den
Wildenschreck" (VIII).
Natürlich - auch die Erstbegehungen der
letzten zehn Jahre
machen aus dem Allgäu noch keine
Verdonschlucht. Wer daher auf
der Suche nach den letzten
klettersportlichen Superlativen bereits
den halben Globus bereits hat, wird
sich kaum in die Allgäuer
Bergwelt locken lassen. Wer sich
jedoch einen Blick für die
Schönheit der Landschaft bewahrt
hat, weder abgespeckten Fels
noch überfüllte Standplätze mag, der
wird staunen, was die
größte deutsche Hochgebirgsgruppe
für den Kletterer alles zu
bieten hat.
Mit freundlicher Genehmigung von
Stefan Meineke, Allgäu
Kletterführer, 2. Auflage Leipzig 1999
Marksteine der Allgäuer
Kletterchronik von Stefan Meineke
Anfänge der
klettersportlichen Erschließung (
ab 1890)
| 1894 |
Trettach,
Südwand* etwa IV+ Josef
Enzensperger, Ernst Enzensperger
und Karl Neumann |
| 1900 |
Wolfebnerspitze,
Südgipfel, Südkamin V Adolf
Schulze und Felix von Cube
(zu dieser Zeit vermutlich
eine der schwersten Alpentouren
überhaupt) |
| 1902 |
Krottenspitzgrat
IV- Adolf Schulze und Karl
Beindl |
| 1902 |
Trettach,
Ostwand IV+ Adolf Schulze,
Karl Beindl, Julius Engelhard |
| 1910 |
Himmelhorn,
SW-Grat* um IV+ Hans Rädler im
Alleingang |
Epoche der klassischen
Freikletterei
| 1920 |
Wolfebnerspitze,
Südgipfel,
Gerade Westwand VI- Herbert
Kadner, Otto Metzger, Lutz
Pistor
(sehr früher VI. Grad) |
| 1922 |
Schneck,
Ostwand VI Philipp Risch und
Gef. |
| 1933 |
Wolfebnerspitze,
Südgipfel,
Südwestkante VI-/A0 Hans
Lobenhoffer und Gef. |
| 1934 |
Trettach,
Gerade Ostwand VI-/A0 Hans
Lobenhoffer und Xaver Dusch |
| 1940 |
Hochvogel,
Nordostwand VI- Willy Wechs,
Franz Tröndle sowie 5 Gef. |
Moderne Extremerschließung
mit vermehrtem
Hakeneinsatz
| 1955 |
Kleiner Wilder,
Große SW-Verschneidung A2/VI
Albert Kleemaier und Franz
Nieberle |
| 1958 |
Himmelhorn,
Südwand A3/VI- Michael
Tauscher und Willi Teufele |
Sportkletterära
| 1987 |
Wolfebnerspitze,
Vorgipfel des
Südgipfels, Südwand,
Schwabentanz VII- Achim Groh und
Bernd Hlawatsch |
| 1987 |
Wiedemerkopf,
Nordwand, Geburtstag VIII
Klement Anwander und Hartmut
Wimmer |
| 1991 |
Kleiner Wilder,
Südwestwand,
Jenseits von Gut und Böse um
IX Robert Jasper und Stefan
Meineke
(Schlüsselseillänge durch
gewaltigen Bergsturz im Winter
1992/93 zerstört; keine
Wiederholung) |
| 1994 |
Östl.
Wengenkopf, Westschulter,
VIII+ Robert Jasper und Stefan
Meineke
Südwand, La Traviata |
| 1998 |
Kleiner Wilder,
Südwestwand VIII Matthias Robl
und Egbert Lehner
Wildenschreck |
| 2000 |
Schneck Ostwand
VII Jürgen u. Michael
Schafroth, Jürgen Thum und Werner
Hones
SchneckgespenstI |
| 2000 |
Schneck,
Ostwand VIII Michael u. Jürgen
Schafroth, Toni Steurer
Das Graue Element |
| 2000 |
Himmelhorn,
Südwand IX- Matthias Robl u.
Alexandra Plattner Sky Ride |
Der Schwierigkeitsbewertung
wurde der
Originalweg der Erstbegeher
zugrundegelegt.
|